Sonntag, 25. Juli 2010

Gefängnisplanet

Wir leben in einem freien Land, das hier ist eine Demokratie - so bekomme ich immer wieder zu hören...

Viele Jahre sind vergangen, seitdem man mir sagte, alle Kinder müssten in die Schule, und wenn sie nicht freiwillig gingen, käme die Polizei und brächte sie dorthin. Nicht viel weniger Jahre ist es her, als ich in Schulstress und andere Zwänge eingeklemmt stöhnte - "Wann werde ich endlich 18, damit das aufhört?!" und neunmalkluge Erwachsene mich darüber aufklärten, dass es dann auch nicht besser werden würde - übliche gedankenlose Redensarten pflichtbemühter Erwachsener, die Kindern und Jugendlichen eine Erklärung für die Welt, die sie ihnen hinterlassen, schuldig sind.
Und tatsächlich entwickelt sich unser angeblicher Rechtsstaat immer mehr zu einem System, der seine Bürger (oder sollte man sagen: Untertanen?) wie schwer erziehbare Jugendliche behandelt.

Wer Glück hat, hat wenigstens bis zum 6. Lebensjahr noch ein einigermaßen schönes Leben. Ob der Sprössling die Wahl hat, seine Zeit in einem Kindergarten oder in seinem trauten Heim zu verbringen, hängt allerdings erstens davon ab, ob die Eltern über die finanziellen Mittel verfügen, das Kind, falls gewünscht, zu Hause zu behalten, beziehungsweise davon, ob einKindergartenplatz, falls gewünscht, vorhanden ist.

Ab dem 6. Lebensjahr streckt "Vater Staat" seine strenge Hand aus und meldet den Anspruch auf das Leben und die Zeit "seiner" Kinder an: Das Kind muss in die Schule. Aus ist es mit dem schönen Leben, der "Ernst des Lebens", die Schulpflicht beginnt. Sie bestimmt fortan den Lebensrhythmus des Kindes, der vorher, wenn es Glück hatte, von der eigenen inneren Uhr bestimmt wurde, höchstens eingeschränkt von der Notwendigkeit der Eltern, sich - und damit auch den Schlaf- und Wachrhythmus ihres Kindes - nach den Gegebenheiten ihrer jeweiligen Arbeitgeber zu richten.

Ab jetzt bestimmt die Schule, wann der kleine Mensch aufzustehen, und damit, wann er zu Bett zu gehen hat. Sie bestimmt wann und wie lange, wie viele Stunden des Tages in der Schule sitzend, wie viele Stunden zu Hause gelernt wird, wie viele Jahre des Lebens was genau und wie, nach einem sowohl Sommer wie Winter gleichermaßen unerbittlichen Stundenplan, unterrichtet wird. Das alles angeblich alles zum eigenen Besten des Kindes, während ein Teil seiner Lebenszeit verrinnt - denn die Entscheidung darüber, was das Beste für es selbst ist, kann man dem Kind auf keinen Fall selbst überlassen.

Hat man die Schule, gleich welcher Art, mehr oder weniger zu Ende gebracht, muss man in die "Lehre" für den Beruf.
Die einen finden gleich gar keine Lehrstelle, was gleichbedeutend ist mit gesellschaftlichem Abstieg, gesellschaftlicher Verachtung und vor allen Dingen: sehr wenig Geld, also sehr wenig Anspruchstitel auf das von der Allgemeinheit erwirtschaftete Sozialprodukt. Wer keine Niedriglohnbeschäftigung findet, ist mit Hartz IV, dem modernen Brot und Spiele Spektakel in Form von Hetz-Sendungen - dem die Bevölkerungim Gegensatz zum antiken Original, gemütlich in der Wohnstube sitzend, beiwohnen darf - ausgeliefert.

Wer das "Glück" hat eine Lehrstelle zu finden, erfährt hier, dass Lehrjahre keine Herrenjahre sind, und lernt schon mal, wie man andere Menschen am Besten degradiert. Wer einen Studienplatz bekommt und sich leisten kann, erfährt eine Fortsetzung der Schulzeit, nur noch brutaler...

Hat man all das hinter sich gebracht, darf man nun endlich arbeiten, um seinen täglichen Lebensunterhalt zu bestreiten und nebenbei die Profite von Arbeitgebern und Geldverleihern zu maximieren. Daneben wird ein Großteil des erwirtschafteten Wohlstands entweder vom Staat einbehalten, der nicht nur Schulen und Straßen baut (die später an Privatinsvestoren verscherbelt werden können), sondern auch die immer größer werdenden Ansprüche der Geldverleiher befriedigen muss. Ein anderer großer Teil der Abgaben wird, ohne zu fragen, für irgendwelche Versicherungen abgezogen, ohne jegliches Mitsprache-Rechte über dessen Verwendung. Mit Rentenversicherungsbeiträgen finanziert der Staat, sehr zur Freude der privaten Versicherer, deutsche Einheiten, und über die Verwendung von Krankenversicherungsbeiträgen bestimmt er, indem er Studien von BigPharma zu Rate zieht.

Das Leben wird bestimmt von den Bedürfnissen des Arbeitgebers. Man steht den Bedürfnissen des Arbeitgebers entsprechend auf, und damit ist den organischen Schlafbedürfnissen entsprechend auch vorgegeben, wann man zu Bett zu gehen hat. "Frei" hat man, wenn der Arbeitgeber es einem erlaubt, falls er einen nicht gleich ganz "frei" stellt und einem von nun an die Aufgabe zuteil wird, als Hartz IV Gladiator in den Ring mit den Medienlöwen zu steigen, dem Blick der unzufriedenen, unterbezahlten und ausgebeuteten Leidensgenossen preisgegeben, die ihren Frust über ihr selbstunbestimmtes Sklavenleben dann auf ihn übertragen können.
So fährt die Meute unter weiser Führung der Geldverleiher den Wohlstand, dem sie die Freiheit geopfert hat, nun auch noch an die Wand, sogenannte Sachzwänge bilden ein immer dichter werdendes Gitternetz unseres unsichtbaren Gefängnisses. Der brave und gut erzogene Bürger tröstet sich und seine murrenden Leidensgenossen nun damit, dass es in anderen Ländern noch viel schlimmer ist, und leistet mit seinem artigen Zufriedensein weniger als keinen Beitrag dazu, dass die Verhältnisse sich nicht noch mehr verschlimmern, und trägt noch weniger dazu bei, dass es irgend jemandem auf diesem Gefängnisplaneten besser geht.

Nachdem die sogenannte Dritte Welt mit ihrem immensen Rohstoffreichtum in die Hände von IMF, Weltbank und WHO gefallen sind, fällt das westliche Abendland als die letzte Bastion der vermeintlichen Freiheit künstlich geschaffenen Sachzwängen zum Opfer, der brave Bürger öffnet sich und sein Heim freiwillig und mit heldenhafter Mine dem erzwungenen Mangel und dem Überwachungskontrollwahn der herrschenden Schicht...





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