Donnerstag, 26. Februar 2009

Wissen, Bildung und der Krieg

Es gibt zwei Dinge, die sind unendlich - das Universum und die Dummheit der Menschheit. Und beim Universum bin ich mir nicht ganz sicher. (Albert Einstein)

Nun, bekanntlich war der Befürworter der Atombombe und bekennende Pazifist Albert Einstein, ein Genie. Ob die Entwicklung der Atombombe, eine der Erfindungen war, die die Menschheit in bahnbrechender Weise vorangebracht hat, lasse ich mal dahingestellt. Er sah sich wohl genötigt,dafür zu plädieren, nachdem bekannt geworden war, dass die Nationalsozialisten am Bau einer Atombombe arbeiteten.

Antony Sutton's Buch "Die Wall Street und der Aufstieg Hitlers", in der dieser belegt, dass US-Banken den Aufstieg Hitlers durch die Unterstützung des Konzerns IG Farben maßgeblich mitfinanziert und US-Firmen die Entwicklung der Kriegsmaschinerie Nazi-Deutschlands entscheidend durch ihr Know-How unterstützt haben, erschien in seiner Erstauflage im Jahre 1976, so dass man nicht davon ausgehen kann, dass Einstein dieser Sachverhalt bekannt gewesen wäre. Da er aber ach so intelligent war, hätte man allerdings zumindest eine gewisses Bewusstsein dafür erwarten können, dass eine Atombombe, erst einmal entwickelt, ein schreckliches Instrument gegen die Menschheit ist, dass Machthaber und Drahtzieher von Kriegen in die Kriegshandlungen selbst meist nicht involviert sind, sondern möglicherweise in zu neutralen Gebieten erklärten Zonen gemeinsam an einem Tässchen Tee nippen, während eine geistig manipulierte, gegeneinander aufgehetzte Bevölkerung verschiedener Nationen und Religionen sich gegenseitig zerfetzt und verstümmelt.

Soviel Weitsicht besaß Albert Einstein trotz seines hohen IQs aber leider nicht.
Ein hoher IQ schützt vor Dummheit nicht.

Oder mangelte es ihm möglicherweise an Bildung? Gerade in den letzten Jahren hat man ja viel über Bildung diskutiert, über den Unterschied zwischen reiner Ansammlung von Wissen, und Bildung. Bildung hat für mich viel damit zu tun, wie ich über Hintergründe einzelner Themen Bescheid weiß. Um beim Beispiel der Atombombe zu bleiben: Politischer Hintergrund: Ist es wirklich der "Richtige" dem ich mein Wissen in die Hand gebe? Wenn es der "Richtige" ist, muss ich bedenken, dass Machthaber wechseln können, das Wissen aber bleibt. Welche weiter Auswirkungen kann das Wissen um eine solche Technologie für die Zukunft haben? Sind denn alle Wissenschaftler vertrauenswürdig? - es gab und gibt ja schon immer Spione... Kann es wirklich ein Beitrag für den Weltfrieden darstellen, eine solche "Wunderwaffe" zu entwickeln? Ist ein "Gleichgewicht des Schreckens" wirklich ein tragfähiges Fundament für einen möglichst lang andauernden Weltfrieden? Welche langfristigen Auswirkungen auf die Gesundheit einer Bevölkerung hat eine solche Waffe... und so weiter.

Jochen Creutz stellt in seinem Buch "Ware Bildung" einen wichtigen Aspekt der Bildung dar, nämlich: Kann ich zwischen dem was ich gelernt habe, einen Bezug herstellen? Und er meint vor allem: Bezug zu mir selbst, zu meinen Gefühlen, zu meiner Person, zu meinem Rechtsempfinden, und vor allem meinem Verantwortungsbewusstsein. Und was dieses Verständnis von Bildung betrifft, hat der Autor des Buches meiner Meinung nach den Nagel voll auf den Kopf getroffen. Diesen Aspekt hatte ich bisher nirgends so klar ausformuliert vorgefunden.

Nehmen wir mal das Beispiel Musik. Das Thema Krieg war (leider) immer wieder ein Thema, das sich natürlich auch in der Kunst niedergeschlagen hat. So hat beispielsweise Schumann das Thema Krieg nach dem Gedicht "Zwielicht" von Joseph von Eichendorff vertont .
Auch wenn das Gedicht im Jahr 1815 geschrieben wurde, so kann ich auch heute noch zu den Zeilen "Wolken ziehn wie schwere Träume" und "was will dieses Graun bedeuten?" völlig mühelos einen Bezug zur heutigen Zeit herstellen, und bei den Zeilen

"...Hast du einen Freund hienieden,/trau ihm nicht zu dieser Stunde,/freundlich wohl mit Aug und Munde/ sinnt er Krieg im tückschen Frieden..."

fällt mir sogleich der der Vertrag von Lisabon ein, der uns als ein Werk zur Friedenssicherung verkauft wird, aber zur Aufrüstung verpflichtet und die gesetzlichen Grundlagen für die Wiedereinführung der Todesstrafe legt.

Und da reicht es meines Erachtens nicht aus, sämtliche Töne genau zu treffen, Herrn Eichendorff zu kennen, die musikalischen Stilmittel, mit denen das Zwielicht musikalisch beschrieben wird, nennen zu können, auf youtube oder mittels CDs in der Musik zu schwelgen, sich an der Stimme des Sängers zu ergötzen - obwohl das natürlich alles sehr hilfreich sein kann - aber wenn die Aufforderung "...sei wach und munter!" nicht umgesetzt, nicht ins tägliche Leben übersetzt wird, bleibt das Singen und Anhören solcher Lieder reine Onanie und Selbstgefälligkeit, bleibt der vermeintliche Künster/bzw Kunstliebhaber vor der Fassade des Werkes stehen, und lässt es zum Kitsch verkommen.

Um so weniger verständlich wird dann die Verachtung so mancher Klassiker gegenüber Sängern der ach so verachteten Pop-Kultur, wie beispielsweise Bob Dylan, der in seinem Song, "Masters of War eine ähnliche Botschaft vermittelt, die Ablehnung des Krieges, die Darstellung seines Grauens und aus seinen Zeilen muss man dieselbe Schlussfolgerung ziehen, die Eichendorff seinerzeit deutlich ausformulierte - sei wach und munter! Entscheidend ist doch nicht die Schönheit der Stimme eines Sängers, die Wahl und Anzahl der stilistischen Mittel, die perfektes Treffen von Tönen und Seiten, entscheidend ist vielmehr, dass es hinter dem Werk einen Menschen mit Gefühlen gibt, der eine Botschaft zu vermitteln hat. Ob diese nun ankommt und wie sie umgesetzt wird, hängt aber nicht nur von ihm, sondern auch von seinem Publikum ab. Es gibt also überhaupt keinen Grund für echte oder vermeintliche Diven, anderen Kunstschaffenden eine wie auch immer geartete Verachtung entgegenzubringen, die mir wie eine Parallele zur Arroganz des Atombomben-Geburtshelfers Albert Einsteins erscheint.


Vielleicht kennen jene Pop-Kultur Verächter ja die Szene aus der Verfilmung des Stephen King Romans "Die Verurteilten" (auch wenn man die Hollywood-Filme für den gemeinen Pöbel wahrscheinlich verachtet und sonst lieber in Opern schwelgt):

Der wegen Mord unschuldig Verurteilte Andy Durfresne lehnt sich eines Tages gegen die brutale Gefängnis-Leitung auf, indem er in ihr Büro eindringt, die Wachen aussperrt und per Grammophon ein Stück aus der "Zauberflöte" Mozarts durch die Gefängnis-Lautsprecher überträgt, über die sonst nur die unmenschlichen Befehle und Schikanen der Wachen übertragen werden. Alle Insassen halten inne, in ihrer Arbeit, in ihren Streitigkeiten und Schlägereien, in ihren Deals, oder anderen im Gefängnis üblichen Tätigkeiten und lauschen verzückt den ihnen überirdisch erscheinenden Tönen, die ihnen wenigstens für eine kurze Zeit eine Flucht aus ihrem brutalen Alltag in eine andere Wirklichkeit ermöglicht. (...natürlich muss Andy die Revolution teuer bezahlen...)
Und obwohl Andy ein Liebhaber der klassischen Kunst und Musik ist, respektiert und achtet er doch auch den Musik-Geschmack seiner Mit-Insassen, was sich darin äußert, dass er seinem Freund Ellis Redding eine Blues-Mundharmonika schenkt, ein Gegenstand, der in einem Gefängnis nicht so einfach zu bekommen ist...


Wollen wir denn nicht alle endlich Frieden und Wohlstand für alle? Macht der Kunstgenuss denn wirklich noch Spass, wenn man weiß, dass in anderen Teilen der Welt Kinder in die Luft gesprengt, und für ihr Leben verstümmelt werden? Kann man sich als Befürworter von Waffen denn wirklich Pazifist nennen? Wie kommt so mancher Zeitgenosse eigentlich dazu, den Bild-Zeitungs-Leser zu verachten, wenn er selbst noch nicht einmal die Vier Grundrechenarten beherrscht und glaubt, man könne einen Arbeiter, der mit einem Vollzeit-Job bei den hiesigen Lebenshaltenkosten gerade 800,-€ verdient, noch als "glücklich dran" bezeichnen, weil dieser "immerhin nicht arbeitslos" ist?
Viele meiner Bekannten, und die sind durchaus das, was man gemeinhin als gebildet bezeichnen würde, haben völlig verdrängt, dass es einen Mangel an Arbeitsstellen gibt. Psychologen befürworten die an die Schwarze Pädagogik des letzten Jahrhunderts erinnernde Hartz-IV Gesetze, versuchen den Druck des Arbeitgebers durch vorauseillenden Gehorsam zuvorzukommen und tragen Missstände auf dem Rücken von Kollegen aus, Leute mit Fortbildungen im Bereich Recht halten die Androhung von Folter für legitim, sind dafür aber froh, dass der Nobelpreis für Kunst diesmal an den richtigen gegangen (irgendein Maler, der von den Nazis verfolgt wurde) die Liste meiner Erfahrungen ließe sich endlos fortsetzen...

Wie kommen die vermeintlich ach so intelligenten und gebildeten eigentlich dazu, sich für besser zu halten, als den Bildzeitungsleser? Nicht besser sind sie, nein, schlimmer! Sie verfügen über das nötige Wissen, sie verfügen eigentlich über die nötige Intelligenz, an was es ihnen wohl mangelt - ich weiß es nicht.
Ich bin ratlos.
Denn gerade sie tragen durch ihre Arroganz, ihre Gleichgültigkeit, ihre Bequemlichkeit, ihre Denkfaulheit, ihre Untätigkeit jeden Tag dazu bei, dass sich die Herrschenden, welche auch immer das sein mögen, der normalen Bevölkerung gegenüber, immer mehr Freiheiten heraus nehmen können, und die Welt um uns Tag für Tag ein Stück grausamer und kälter wird.

Es gibt zwei Dinge, die sind unendlich - Das Universum und die Dummheit der Menschheit. Und beim Universum bin ich mir nicht ganz sicher.

Da muss ich Herrn Einstein unbedingt zustimmen. Auch wenn ich es ganz anders meine als er.

Kommentare:

G. G. hat gesagt…

Vielen Dank für den interessanten Bericht.

Manchmal ist es zum verrückt werden. Adolf Hitler hat sich ja auch oft als Friedensbringer und Retter der Menschheit ausgegeben.
Ein Wolf im Schafspelz.

Da halte ich mich lieber an Mahatma Gandhi: "Frieden ist nicht das Ziel, Frieden ist der Weg."

Earthling hat gesagt…

Danke für diesen interessanten Artikel.
Meine Präambel lautet nach Platon:
"Ich weiß, dass ich nichts weiß!"

Wenn man sich diesen Satz immer wieder sagt und dazu "Carpe diem", dann geht es.

Anonym hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
Alexander Tetzlaf hat gesagt…

Nun ja, dies scheint wohl usus.

Merkel, Merz, Steinmeier und Westerwelle: Allesamt –vielleicht mit Ausnahme Koch, Stoiber und Öttinger- intelligente Leute. Und doch strunzdumm, denn dass die Wirtschaft kollabiert, weil Autos keine Autos kaufen, begreifen sie nicht. Gleichwohl Merkel das Problem sicher durchschaut, mit Genugtuung gewahre ich ihre ängstlichen und ruhelosen Augen in aktuellen Interviews.

Wie viele junge Menschen studieren nicht Betriebswirtschaftslehre? Und nicht nur mein Prof. verstand seinerzeit nicht, dass die reine Lehre ganz großen Anteil an den Problemen des Status quo hat. Es ist egal, denn gerade verdiene ich viel Geld damit!!! Egal egal egal.

Wohl wahr, man kann schnell rechnen können, muss aber nicht begriffen haben. Vielleicht wie Savants, die kein Auto fahren können? Wohl kaum. Hier zählen niederträchtigere Motive: Der anerzogene und stets belohnte Egoismus. Gier, Befriedigung und Machtspielchen. Eigennutz zum Schaden Dritter, zum Schaden Vieler.

Aber ich freue mich über die Tendenzen. Und ich freue mich, dass manch Blitzgescheiter nach noch mehr und immer mehr schreit, angesichts der nicht funktionierenden Reformen.

Denn eine neue Zeit wird kommen, und eben dies beschleunigt nur das Unvermeidliche.