Freitag, 18. Februar 2011

Herr von und zu Guttenberg und die Doktorarbeit

Ob Herr von und zu Guttenberg wohl bei irgendjemandem in Ungnade gefallen ist? Auf allen Kanälen ist die Rede vom Kanzler in spe und der Doktorarbeit, die seitenweise Passagen enthalten soll, die nicht von ihm selbst geschrieben wurden und auch nicht als Zitate gekennzeichnet sind. Doch trotz aller Skandale und Versäumnisse sei der gutaussende Verteidigungsminister beim Volk beliebt, beteuert uns der Nachrichtensprecher, während sich die Kamera verheißungsvoll ins Gemächt des Politstars richtet.


Ich frage mich, wie so oft, was will man beim Zuschauer mit diesen Offenbarungen eigentlich bezwecken? Ich verstehe diese Hysterie einfach nicht, auch wenn ich meine, dass Karl Theodor es sich doch etwas zu einfach gemacht hat – wenigstens hätte er sich die Mühe machen sollen, die entsprechenden Passagen ein wenig umzuformulieren. Das kommt eben davon, wenn man sich seiner selbst und seiner Umgebung zu sicher ist...


Aber allen Ernstes, dass es an den Universitäten wissenschaftlich oder gar gerecht zugeht, kann wohl nur glauben,wer noch nie eine Universität von innen gesehen und noch nie eine Doktor–, oder andere Abschlussarbeit gelesen hat. Natürlich geht es an den Hochschulen weder fair noch wissenschaftlich zu, ich streife hier nur am Rande die Benachteiligung der Studenten, die keinen akademischen Familienhintergrund haben, und daher bei schwierigen Fragen auf sich selbst gestellt sind, und die zudem noch ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten müssen. Sogar schon vor Einführung von Studiengebühren war das alles sehr ungerecht.


Aber bleiben wir mal bei dem Thema Abschlussarbeiten.


Ich erinnere mich, im Zuge von Nachforschungen in Bezug auf Amalgamvergiftung eine 'hochinteressante' Doktorarbeit eines Zahnarztes gelesen zu haben. Der Absolvent (bestanden hat er ja offenbar) führte auf ca 20 DIN A 5 Seiten aus, warum Amalgam völlig unschädlich ist. Dafür hatte er mehrere mechanische Untersuchungen mittels verschiedener Apparate angestellt (ob er sich die wohl alle selbst ausgedacht und die Apparate wohl selbst gebaut hat?) und dabei kam folgendes heraus: Beim Kauvorgang lösen sich keine Partikel aus den Füllungen, der Patient ist nicht von Vergiftung gefährdet.


Offenbar stand das Ergebnis der Studie wohl vorher schon fest. Sonst hätte man eventuell auf die Idee kömmen können, die Körpertemperatur bei den Versuchen zu berücksichtigen. Denn ein wichtiger Kritikpunkt bei Amalgamfüllungen ist ja der Quecksilbergehalt der Füllungen. Dass Quecksilber sich bereits bei Raumtemperaturen verflüssigt, sollte eigentlich allgemein bekannt sein. Und dass die Körpertemperatur eines Menschen mit 37 Grad sogar noch höher ist, weiß doch wirklich jeder. Der Doktorand hatte es aber offenbar nicht für notwendig erachtet, sich um solche Lappalien Gedanken zu machen.


Außerdem wurde bei der Arbeit auch nicht berücksichtigt, dass Zähne ja nicht einfach so aus Spaß trocken vor sich hin mahlen, sondern Nahrung zerkleinern, die möglicherweise chemisch mit den Füllungen reagieren könnte (zum Beispiel Essig oder andere saure Nahrungsmittel). Diesen Fragen wurden in dem dünnen Broschürchen mit dem Titel 'Doktorarbeit' aber nicht nachgegangen. Der Doktorvater war offenbar auch zufrieden... Wirklich wissenschaftliches Arbeiten sieht meines Erachtens anders aus.


Eine Diplomarbeit, die sich lang und breit mit den Segnungen des Süßstoffes Aspartam beschäftigte und als Referenzen teilweise die firmeneigenen Webseiten des Herstellers angab, ist mir ebenfalls im Gedächtnis. Auch hier stand wohl schon von vornherein fest, was herauskommen sollte. Da wurde lang und breit der Gehalt an Methylethylen verschiedener Nahrungsmittel ausgewertet und schließlich kam man zu dem Schluss, dass Äpfel und Käse einen sehr viel höheren Gehalt hätten als der Süßstoff. Fazit: Aspartam habe einen wesentlich niedrigeren Gehalt und sei daher völlig zu Unrecht als Krankmacher verschrieen. Wer da wohl die Feder des Diplomanden geführt hat, frage ich mich. Wahrscheinlich wird der Student oder die Studentin niemals mit solchen Vorwürfen wie Herr von und zu Guttenberg konfrontiert werden – aber nur auszuformulieren, was einem schon vorgegeben wurde, ist eigentlich auch keine Kunst.


Jeder unbefangene Forschergeist hätte auf die Idee kommen müssen, dass eine isolierte Substanz möglicherweise anders wirkt, als in einer Gruppe – zum Beispiel als Bestandteil in einem Nahrungsmittel. Und tätsächlich gibt es Ärzte, die meine Gedankengänge wissenschaftlich untermauern können – in natürlichen Lebensmitteln ist Methylalkohol an Pektin gebunden und wird deshalb vom Körper ausgeschieden, ohne während der Verdauung aufgespalten zu werden.


Dergleichen Beispiele gäbe es viele – ich nenne da nur noch die Abschlussarbeiten bei einer Fakultät für Architektur, bei denen ich selbst Zeuge war: so manche professionelle Modellbauwerkstatt hat nachgeholfen, so mancher Architektenpappi Ratschläge gegeben, so mancher Freundeskreis bei Schwierigkeiten Hand angelegt. Unser gesamtes Hochschulsystem ist zu einem eilitären Haufen verkommen, der nur noch Studenten aus bestimmten gesellschaftlichen Gruppen fördert, alle anderen am Straßenrand liegen lässt und die Bedürfnisse und Vorgaben seiner Geldgeber aus der Privatwirtschaft bedient. Der Durchschnitts-Bürger darf nur noch die 'Sockelfinanzierung' von ca 90 Prozent übernehmen, muss bezahlen für Institutionen die nicht seinen Interessen dienen und von deren Teilnahme er ausgeschlossen ist.


Also was soll der Geiz, diese Hysterie um Herrn von und zu Guttenberg? Hat Frau Merkel etwa ihre Doktorarbeit geschafft, weil sie tatsächlich so gescheit ist, oder weil sie und ihre Eltern eifrige Parteigänger der SED waren, wie manche ehemalige DDR-Bürger glauben – niemand konnte im DDR-System Karriere machen, ohne sich um das Regime verdient gemacht zu haben. Doch auch davon wird nie im Fernsehen berichtet, und schon gar nicht andauernd. Im Gegenteil, man überschlägt sich in Lobeshymnen für unsere 'Angie'.


Was mich zusätzlich misstrauisch macht, ist die Tatsache, dass es über unseren derzeitigen Verteidigungsminister sehr viel interessantere Dinge zu berichten gäbe, als nun diese blöde Doktorarbeit. Zum Beispiel, dass er sein Vermögen ins Ausland schafft, zum Beispiel, dass er sich, nachdem Herr Köhler wegen ähnlicher Aussprüche zurücktreten musste, schon wieder für Angriffskriege stark macht, zum Beispiel dass er in zum Teil schon als geheim zu bezeichnenden Netzwerken für seine jetzige Aufgabe herangezüchtet wurde...


Angesichts dieser wirklichen schlimmen Probleme verstehe ich den Zirkus um seine Doktorarbeit überhaupt nicht! Es sei denn, man wollte ihn aus irgendeinem Grund schnell und 'billig' irgendwie loswerden...

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Kommentare:

John Dean hat gesagt…

Er schafft sein Vermögen ins Ausland? Woher hast du das? Ich fände das sehr interessant!

persiana-451 hat gesagt…

Es stand mal was in den Printmedien. Im Internet habe ich es jetzt auch nicht mehr gefunden. Wenn ich es finde verlinke ich es.

persiana-451 hat gesagt…

Jetzt habe ich es gefunden: Sein Bruder hat in Österreich eine Stiftung gegründet. An diese Stiftung haben er und seine Brüder ein Schloss, dass sie geerbt haben 'gestiftet'.