Samstag, 24. Oktober 2009

Demokratie ohne Demokraten

Demokratie sei die Herrschaft des Volkes, so haben wir es in der Schule gelernt. Wir wählen Volksvertreter, die dann unsere Interessen vertreten würden, hieß es. Nach den Gräueln der Nazi-Zeit hätten wir ein neues Grundgesetz bekommen, dass nicht so leicht außer Kraft gesetzt werden könnte. Darin stehen viele schöne Dinge, da steht was von Freiheit, von Würde, von Freizügigkeit, Pressefreiheit, Chancengleichheit. Dass jeder das Recht hat, sich sein Leben nach seinen Vorstellungen zu gestalten.

Nun, wir werden tagtäglich eines Besseren belehrt. Nicht wir bestimmen, wie unser Leben auszusehen hat, sondern ein von Banken und Konzernen beherrschter Staat- das nennt sich dann Sachzwang. Gut, das war auch schon früher so. Wenn wir mal ehrlich sind, dann hat es doch all das, was so in unserem Grundgesetz stand, nie wirklich gegeben. Meistens konnten wir jedoch noch zwischen zwei Übeln zu wählen, und das gab uns dann das Gefühl von Freiheit.

Wohl dem, der noch eine Arbeit hat, und wenn sie ihm noch so wenig gefällt, und noch so mies bezahlt ist. Denn wer die verliert, fällt in einen Abgrund, in dem nicht einmal mehr ansatzweise die schönen Phrasen unseres Grundgesetzes noch gelten. Der Überwachungsstaat hat mit einer Pranke, die sich Hartz IV nennt, ein Loch in unseren (zumindest angeblich) demokratischen Sozialstaat gerissen. Kontostände müssen offengelegt, Sozial-Schnüffler in die Wohung gelassen werden - der Verdacht, es könnte jemand Leistungsmissbrauch betreiben, reicht aus, um jemandem sein Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Wohung vorzuenthalten. Nicht einmal die Polizei darf einfach so in die Wohnung von Verdächtigen, aber ein Sozialdetektiv schon. Und wer auf seinem Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Wohnung besteht, bekommt eben einfach kein Geld mehr. So sieht also heute unsere "Freiheit" aus...

Dann hätten wir da noch das Recht, uns ungehindert aus allgemein zugänglichen Quellen zu unterrichten und angeblich soll es laut Grundgesetz auch eine Pressefreiheit geben. Natürlich gibt es heute keinen Diktator, der mit Brachial-Methoden wie Hitler einfach die Presse gleichschaltet - sowas hat man doch heutzutage gar nicht mehr nötig. Die Tatsache, dass eine Zeitung sich ohnehin schon lange nicht mehr aus den Verkäufen finanzieren konnte, sondern von der Anzeigenschaltung abhängig war, hätte einem eigentlich schon früher zu denken geben sollen. Wie kann es denn sowas eigentlich geben, ein Betrieb, der sich nicht selbstständig finanzieren kann, noch dazu ein Betrieb der für die Meinungsbildung so immens wichtig ist, wie eine Zeitung - die "vierte Gewalt"! Es gab also seit langer Zeit schon eine Abhängigkeit von der Privatwirtschaft, von Unternehmen, die naturgemäß nicht immer dieselben Interessen verfolgen wie die Arbeitnehmer - und ebenso naturgemäß hat ein Arbeitnehmer nicht genug Geld um Anzeigen zu schalten und so die Zeitung in seine Abhängigkeit zu bringen. Wie ist das eigentlich zustande gekommen? Denn entweder waren die Zeitungen einfach schon immer zu teuer, die Betriebe schlecht geführt, oder der Bürger verdiente zu wenig, um sich die Zeitung regelmäßig kaufen zu können. Von dem Gesichtspunkt aus gesehen war die Presse noch nie wirklich "frei" und die Lage verschlimmerte sich noch, als vor ein paar Jahren das Betriebesterben der Mittelständler begann und die Zeitungen immer mehr von einzelnen großen Firmen und Konzernen, wie beispielsweise Bertelsmann, abhängig wurden. Was für eine Berichterstattung kann man da noch erwarten?

Da ist es kein Wunder, wenn die Presse uns immer wieder dieselbe Botschaft vermitteln will: Es sei unsere Aufgabe, lebenslang zu arbeiten, arbeiten, arbeiten, so viel und für so wenig Geld wie möglich, am liebsten auch ohne Sozialversicherung und ohne zu "jammern". Nicht dass ich jetzt furchtbar viel von "Sozial"versicherungen halten würde - letztendlich soll damit nur notdürftig bemäntelt werden, dass unser Gehalt viel zu niedrig ist, um davon zu leben - und eine angemessene Versorgung im Alter oder im Krankheitsfall gehört zum Leben dazu. Das Geld wird mir weggenommen, und entzieht sich meinem Einfluss. Welche medizinischen Maßnahmen für die Erhaltung meiner Arbeitskraft sinnvoll sind, das bestimmt jetzt die Kasse, was, wieviel und wofür eigentlich von Seiten meines Arztes als Rechnung eingereicht wird, erfahre ich nicht einmal - dafür bekomme ich aber eine elektrische Zahnbürste, wenn ich die mittels eines Bonusheftchens vorgeschlagenen Vorsorgentersuchungen, Impfungen und ähnliches nachweisen kann. Wer ein Leben lang treudoof in die Rentenversicherung eingezahlt hat, dem bleibt im Alter aufgrund der ewigen Herumkürzerei kaum noch etwas übrig, trotz steigenden Wirtschaftswachstums und Wohlstand, der von ihm aufgebaut wurde, muss sich der Rentner von heute schon fast vorwerfen lassen, dass er eine "Belastung" sei. Der künftigen Rentnergeneration wird wohl gar nichts mehr bekommen, nicht einmal die 600 und noch irgendwas Euro, die die Rot-Grüne-Koalition doch tatsächlich als "Grundsicherung" bezeichnet. Zusätzliche soziale Leistungen, wird es wohl kaum mehr geben - in der nächsten "Chemnitzer Studie" wird man wahrscheinlich feststellen, dass, wer nicht arbeitet, eigentlich gar nichts mehr essen braucht.

Die Liste ließe sich noch länger fortsetzen. Aber was hilft es, wenn wir auf Politiker schimpfen. Womöglich haben wir genau das, was wir auch verdienen. Nicht die Skrupellosigkeit der Politiker, die Verlogenheit der Medien, die Unverschämtheit der Banken und Konzerne erschüttert mich zutiefst - sondern das mangelnde Bewusstsein meiner Mitmenschen in Bezug auf ihre eigenen Rechte!

Allzuleicht wird akzeptiert, wogegen man sich machtlos hält. Otto Normalverbraucher hält den Kampf um seine Rechte , falls sie ihm überhaupt noch bewusst sind, für einen "Kampf gegen Windmühlen", und man beachte, dass derjenige, der sich das alles nicht gefallen lassen mag, nicht mit einem Helden, sondern mit einer tragikomischen, um nicht zu sagen lächerlichen Figur verglichen wird, der man mehr Mitleid als Achtung entgegenbringt.

Natürlich gibt es auch Gegenwehr, aber leider fällt sie sehr, sehr dünn aus. Man könnte so viel mehr tun, Petitionen an Abgeordnete schreiben, Gruppen bilden, Flugblätter verteilen... Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, und so werde ich weiterhin meine Artikelchen schreiben, wie ein Schiffbrüchiger, der eine Flaschenpost ins Meer wirft, in der Hoffnung, irgendjemand möge seine Nachricht lesen...

Kommentare:

andi1789 hat gesagt…

Hm, man kann doch auch ohne Verschwörung das Problem benennen, dass uns schlicht durch Produktivitätssteigerung die Arbeit ausgeht. Am einfachsten ist es für das Konglomerat aus Politik und Wirtschaft, diejenigen selbst dafür verantwortlich zu machen, die nicht mehr gebraucht werden. Alles andere würde ein Umdenken erfordern, wovor auch viele Angst haben, die eigentlich unter dem Problem zu leiden haben, weil damit das Weltbild des "american dream" im weitesten Sinne zusammenstürzen könnte.

Gruß Andreas

persiana-451 hat gesagt…

Das ist aber nicht wirklich logisch. Produktivitätssteigerung ist eine gute Sache, nur profitieren eben nicht alle davon. Man könnte dieselbe Anzahl von Waren in weniger Zeit produzieren, den Rest haben wir dann frei, widmen uns der Bildung, der Erziehung von Kindern oder anderen schönen Dingen. Arbeit ist eine Notwendigkeit und keine Daseinsberechtigungsmaßnahme. Das Problem ist, dass der Zinseszinsmechanismus die Wirtschaft zum unaufhörlichem Wachstum treibt, und dass ist aufgrund begrenzter Ressourchen nicht möglich und auch nicht notwendig.

andi1789 hat gesagt…

Was soll daran unlogisch sein, dass sich diejenigen, die von der derzeitigen Macht- und Reichtumsverteilung profitieren, sich ihren Vorteil sichern wollen? Dafür reicht es doch aus, anzunehmen, dass alle immer ihren Reichtum/Nutzen maximieren wollen. Wer einmal oben angekommen ist, der strebt danach, dort auch aus purem Eigeninteresse zu bleiben, dazu bedarf es keiner Verschwörung, wie es in dem verlinkten Video anklingt.

Die vom Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte ist eine der modernen Mythen, der diejenigen, die nicht profitieren, bei der Stange hält.

Ansonsten bin ich ganz bei Dir, ich wäre auch für eine Verkürzung der Arbeitszeit, aber dies würde eine ziemlich radikal neue Denkweise erfordern, die sich weg vom Wettbewerb bewegte und mehr auf Zusammenarbeit setzte. Aktuell hab' ich eher das Gefühl, dass die Arbeit für die breite Masse der Lebensinhalt schlechthin ist.

Nur wie vermittelt man eine gegenteilige Ansicht, wenn die meisten noch in den alten Denkstrukturen verharren?

Gruß Andreas

persiana-451 hat gesagt…

Die "Globalisierung" und die Überwachung werden halt schon sehr zielgerichtet vorangetrieben, zu zielgerichtet, als das man das durch Zufall erklären könnte - vor allen Dingen, weil es schon seit Jahrzehnten so läuft. Die Riesenvermögenden, wer immer sie im Einzelnen sein mögen, sind sich sicherlich ihres Vorteils sehr bewusst. Sonst wären sie nicht so begierig darauf, beispielsweise auch die Medien unter ihre Kontrolle zu bekommen, wie es weltweit der Fall ist. Ebenso wenig zufällig scheint mir die Sprachverdrehungen im Bankwesen zu sein, beispielsweise bei der "Federal Reserve Bank" die eben genau keine Staatsbank ist, und auch keine Reserven hält.

andi1789 hat gesagt…

Die Globalisierung würde ich als einen Effekt der Gewinnmaximierungslogik sehen, mit möglichst geringen Kosten maximalen Gewinn herauszuholen. Die damit einsetzende Verelendung der Massen auch in den Industrieländern führt nunmal dazu, dass die Regierungen kalte Füsse bekommen und vorsorglich Überwachungsmaßnahmen durchsetzen, um gewappnet zu sein für den Fall der Fälle eines Aufstandes.

Ob man hinter den sich abspielenden Ereignissen nun eine wie auch immer geartete Verschwörung vermutet oder nicht, ist wohl auch gar nicht so wesentlich. Wichtiger ist die Erkenntnis, dass wir als Menschen nicht notwendig so handeln müssen wie derzeit, dass wir auch andere Organisationsformen fnden könnten, die allen auch Teilhabe am politischen Leben ermöglichen würde etc..